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Dieses Thema hat 1 Antworten
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 Lagerfeuer
Lady_Masque Offline




Beiträge: 2.471

24.01.2010 12:18
Das tapfere Schneiderlein und König Kapitalismus antworten

Die ganze Geschichte stammt aus dem Kinderbuch von Anna Wahlgren, ist mir aber zu lang zum Abtippen. Darum erzähle ich sie frei wieder. Passt meiner Meinung nach zu den Gedanken um Erfolg und Wohlstandsstreben, die Renate aufgeworfen hat.
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Es war einmal ein tapferes Schneiderlein, das lebte zusammen mit seiner Frau, seiner alten Mutter und seinen kleinen Kindern in einem kleinen Haus, und nähte den lieben langen Tag Anzüge, immer hübsch einen nach dem anderen.
Da kam eines Tages der König Kapitalismus zu ihm. Das war ein merkwürdig schöner Besuch. Der König Kapitalismus sagte: "Ich habe eine große Fabrik, in der kannst Du viel schneller mit meinen Maschinen Anzüge nähen, und verdienst damit mehr Geld für Deine Familie."
Dem Schneiderlein war das recht, und so arbeitete es fortan in der Fabrik des Königs. Es konnte nun tatsächlich viele Anzüge auf einmal nähen, und verdiente damit mehr Geld.
Um zur Fabrik zu gelangen, brauchte das Schneiderlein aber ein Auto. Also kaufte es sich ein neues Auto, wie all die anderen Arbeiter.
Der König Kapitalismus sagte ihm außerdem in einer Arbeitspause: "Jetzt, wo Du Geld hast, kannst Du es Dir auch leisten, besser zu wohnen."
Und so kaufte das Schneiderlein ein neues und größeres Haus. Die Familie freute sich, denn jetzt hatte jeder ein eigenes Zimmer und viel mehr Platz. Und die Oma saß vergnügt strickend in einem Lehnstuhl, während die kleinen Kinder auf dem Boden spielten.
Aber ein schönes Haus brauchte auch schöne neue Möbel, die ebenfalls in der Fabrik von König Kapitalismus hergestellt wurden. Und so kam es, dass auch die Frau des tapferen Schneiderleins bald in der Fabrik von König Kapitalismus arbeiten musste. Denn all die Sachen mussten ja bezahlt werden.
Für die schwerhörige alte Oma und die kleinen Kinder hatte nun niemand mehr so recht Zeit. Denn jedesmal, wenn das tapfere Schneiderlein und seine Frau nach Hause kamen, waren sie so müde, dass sie nur noch schlafen wollten.
Doch auch hier wusste König Kapitalismus Rat. Er sagte: "Ich habe eine Tagesstätte, da werden Deine Kinder den ganzen Tag von Fachpersonal betreut. Und für die Oma habe ich ein Pflegeheim gebaut, da wird sich gut um die alte Frau gekümmert."
Und so geschah es, dass die Kinder in die Tagesstätte kamen und die Oma ins Pflegeheim.
Und das tapfere Schneiderlein und seine Frau arbeiteten rund um die Uhr, trotzdem schien das Geld nur geradeso zu reichen. Die Tagesstätte und das Pflegeheim mussten ja nun auch noch bezahlt werden.
Eines Tages wurde das tapfere Schneiderlein sehr krank, und es vermisste seine alte halbtaube Mutter und seine lärmenden kleinen Kinder, und es vermisste seine Frau. Aber sie musste ja arbeiten, denn das Haus und die Möbel und das Auto und die Tagesstätte mussten ja bezahlt werden.
Als das Schneiderlein so mit Fieber im Bett lag, rief es auf einmal: "Du hast mich betrogen, König Kapitalismus! Mein Haus kann nicht mit mir reden, meine Möbel können nicht bei mir am Bett sitzen, mein Auto kann mich nicht trösten oder mir die Hand halten. Du hast mich betrogen und mir all meine Lieben weggenommen, und ich habe mich zugrunde geschuftet, nur wegen all dieser DINGE!"
Da schloß das tapfere Schneiderlein seine Augen und starb. Und das war vielleicht auch gut so, denn nun konnte seine Frau einen anderen und klügeren Mann heiraten.

Majka Offline




Beiträge: 8.785

24.01.2010 14:25
#2 RE: Das tapfere Schneiderlein und König Kapitalismus antworten


Ach, wie wahr, in wievielen Familien spielt sich dieses Spiel immer wieder aufs Neue ab?

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Liebe Grüße
Majka

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