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Dieses Thema hat 3 Antworten
und wurde 467 mal aufgerufen
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 Lagerfeuer
Lady_Masque Offline




Beiträge: 2.471

24.05.2010 19:57
Zweierlei Glück, von Bert Hellinger antworten

Eine der meiner Meinung nach schönsten Geschichten von Hellinger. Viel Freude damit!

Zweierlei Glück

In alter Zeit, als die Götter den Menschen noch sehr nahe schienen, lebten in
einer kleinen Stadt zwei Sänger namens Orpheus.
Der eine von den beiden war der Große. Er hatte die Kithara erfunden, eine
Vorform der Gitarre, und wenn er in die Saiten griff und sang, war die Natur um
ihn verzaubert. Wilde Tiere lagen zahm zu seinen Füßen, hohe Bäume bogen sich
ihm zu: nichts konnte seinen Liedern widerstehen. Weil er so groß war, warb er
um die schönste Frau. Danach begann der Abstieg.
Während er noch Hochzeit hielt, starb die schöne Eurydike, und der volle Becher,
noch während er ihn hob, zerbrach. Doch für den großen Orpheus war der Tod
noch nicht das Ende. Mit Hilfe seiner hohen Kunst, fand er den Eingang in die
Unterwelt, stieg hinab ins Reich der Schatten, setzte über den Strom des
Vergessens, kam vorbei am Höllenhund, trat lebend vor den Thron des
Totengottes und rührte ihn mit seinem Lied.
Der Tod gab Eurydike frei - doch unter einer Bedingung, und Orpheus war so
glücklich, daß ihm die Häme hinter dieser Gunst entging.
Er machte sich auf den Weg zurück und hörte hinter sich die Schritte der geliebten
Frau. Sie kamen heil am Höllenhund vorbei, setzten über den Strom des
Vergessens, begannen den Aufstieg zum Licht, sahen es von ferne. Da hörte
Orpheus einen Schrei - Eurydike war gestolpert - erschrocken drehte er sich um,
sah noch die Schatten fallen in die Nacht und war allein. Und fassungslos vor
Schmerz sang er das Abschiedslied: "Ach, ich habe sie verloren, all mein Glück ist
nun dahin!"
Er selber fand ans Licht zurück, doch das Leben war ihm bei den Toten fremd
geworden. Als betrunkene Frauen ihn zum Fest des neuen Weines führen wollten,
weigerte er sich, und sie zerrissen ihn bei lebendigem Leibe.
So groß war sein Unglück, so vergeblich seine Kunst. Aber: alle Welt kennt ihn!

Der andere Orpheus war der Kleine. Er war nur ein Bänkelsänger, trat bei kleinen
Festen auf, spielte für die kleinen Leute, machte eine kleine Freude und hatte
selber Spaß dabei. Da er von seiner Kunst nicht leben konnte, lernte er noch einen
anderen, gewöhnlichen Beruf, heiratete eine gewöhnliche Frau, hatte gewöhnliche
Kinder, sündigte gelegentlich, war ganz gewöhnlich glücklich und starb alt und
lebenssatt.
Aber: niemand kennt ihn - außer mir.

Heuler Offline




Beiträge: 1.692

26.05.2010 15:15
#2 RE: Zweierlei Glück, von Bert Hellinger antworten

Na was ist jetzt besser?*grübel*

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Wenn Sie mich suchen: ich halte mich in der Nähe des Wahnsinns auf. -Genauer gesagt auf der schmalen Linie zwischen Wahnsinn und Panik, gleich um die Ecke von Todesangst, nicht weit weg von Irrwitz und Idiotie!" (Bernd das Brot)

Lady_Masque Offline




Beiträge: 2.471

30.05.2010 12:05
#3 RE: Zweierlei Glück, von Bert Hellinger antworten

Ich finde die Geschichte ganz toll, weil man doch öfter die Tendenz hat (zumindest ich will mich da nicht ausnehmen), ein bißchen neidisch auf die Schönen und Reichen zu sein in dem Sinn "Soviel Geld/Ruhm/whatever hätt ich auch mal gerne". Vor allem, wenn man selber mal knapp bei Kasse ist etc.
Die Geschichte macht aber die wahren Prioritäten schön deutlich.

Majka Offline




Beiträge: 8.884

30.05.2010 16:20
#4 RE: Zweierlei Glück, von Bert Hellinger antworten

Mir ist der kleine Orpheus lieber.
Aber es stimmt schon, über die Kleinen entstehen keine Gedichte. Das "kleine" Glück ist eigentlich langweilig.

_______________

Liebe Grüße
Majka

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