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 Lagerfeuer
Majka Offline




Beiträge: 8.785

11.02.2007 15:36
Der König und sein Diener antworten
Der König und sein Diener
(ein Märchen von Cora Tanou)

König Miro saß auf einer kleinen Mauer und beobachtete die emsigen Handhabungen seines Dieners, der ihm seit vielen Jahren treu zur Seite stand. Jakob war in das Schloß gekommen, als Miro zum König gekrönt wurde. Die beiden Jünglinge waren einander sofort zugetan, so daß Jakob noch am selben Tag in den Dienst des Königs trat. Seitdem waren viele Jahre vergangen und Jakob liebte seinen Herrn von Herzen. Tagein tagaus verrichtete er seinen Dienst mit Lust und Freude. Der König vertraute seinem Diener bedingungslos und so kam es, daß er so manchen Ratschluß zuerst mit ihm besprach, ehe er sie seinen Ministern kund tat. Jakob war ihm stets ein weiser Ratgeber gewesen. Das Volk war mit seinem König zufrieden. Das Land blühte in Reichtum und Glück Auch an den Grenzen herrschte Frieden, denn das Land war in alle Richtungen durch hohe Gebirge von der Außenwelt abgeschirmt. So gingen die Tage unbeschwert ins Land.

Eines Nachts aber erschien König Miro eine Fee. Sie sagte: „Miro, die Zeit ist abgelaufen. Jetzt sind die Schulden zwischen dem Herrn und dem Diener zu begleichen.“

Der König verstand ihre Worte nicht recht. Aber als er am Morgen erwachte, kamen sie ihm gleich wieder in den Sinn. „Wahrlich, es stimmt“, dachte er, “Jakob hat mir in all den Jahren so treu gedient und sein Lohn dafür war sehr gering.“ Sogleich ließ er den Schatzmeister eine Truhe mit 200 Goldstücken herbeischaffen. Und aus dem besten Tuch ließ er vom Schneider ein Wams für Jakob fertigen. Dann rief er seinen Diener. „Jakob, du hast so viel für mich getan. Jetzt sollst du deinen Lohn dafür erhalten.“ Er übergab dem Diener die Geschenke. Der bedankte sich angemessen. Und am Abend legte sich der König zufrieden nieder.

Aber wieder trat die Fee an sein Bett und sagte: „Miro, die Zeit ist abgelaufen. Jetzt sind die Schulden zu begleichen zwischen dem Herrn und dem Diener.“


Als der König am Morgen erwachte, war er verwundert, weil Jakob nicht mit dem Morgentrunk an sein Bett trat. Er wartete noch eine Weile, dann erhob er sich und hieß der Zofe nach Jakob zu suchen. Die kam mit einer schlimmen Botschaft zurück. Jakob lag im Bett. Seine Augen glänzten vom Fieber und seine Sinne waren wirr. Wie erschrak da der König. Jetzt erst spürte er, wie eng verbunden er mit Jakob war. Der war für ihn ja wie ein lieber Bruder. Sein Herz begann ängstlich zu schlagen. Bang eilte er an das Krankenbett seines Dieners. Als er Jakob so liegen sah, war seine Kehle ganz zugeschnürt. Sofort ließ er die besten Ärzte des Landes rufen. An nichts sollte es Jakob fehlen. Die Ärzte machten ihm Mut. Der Diener sei ein starker Mann und werde sich bald von seiner Krankheit erholen. So legte sich der König am Abend beruhigt ins Bett. Aber wieder erschien die Fee und sagte: „Miro, die Zeit ist abgelaufen. Jetzt müssen die Schulden zwischen dem Herrn und dem Diener beglichen werden.“

Als der König am Morgen erwachte, hatte sich Jakobs Zustand noch weiter verschlechtert. Er war nicht mehr bei Besinnung. Seit Stunden war kaum noch ein Lebenszeichen in ihm gewesen. Welch Kummer spürte Miro bei dieser Nachricht, war doch Jakob sein engster Vertrauter, sein liebster Freund.

Sofort eilte er an das Krankenbett. Als er Jakob so liegen sah, spürte er, daß nur er selber ihm helfen konnte. „Jakob hat mir all die Jahre gedient. Jetzt ist es wohl an der Zeit, ihm zu dienen“, dachte Miro und ließ sich ein einfaches Gewand seines Dieners geben. Das legte er an. Er selber wechselte die feuchten Tücher auf Jakobs Stirn. Er selber hielt seine Hand. Und es schien, als gleite ein Lächeln über das Gesicht seines Freundes. Je länger aber der König seinen Dienst an seinem Diener tat, desto leichter und freudiger wurde es ihm um Herz. Allmählich kehrte eine blasse Rosigkeit zurück auf das fahle Antlitz des Kranken. Und als Jakob endlich zum ersten mal ganz kurz seine Augen aufschlug, war der König voller Dankbarkeit. Er dachte noch einmal an die Worte der Fee. „Wahrlich, mein Freund hat mir so redlich all die Jahre gedient. Jetzt ist es an der Zeit, daß ich ihm diene.“

Er wies die Knechte an, Jakob in das königliche Schlafgemach zu tragen. Es war ein so milder schöner Frühlingstag, die Sonnenstrahlen trafen aufs Bett, die Vögel zwitscherten und Miro war voller Zuversicht und Wonne. Da endlich richtete sich Jakob auf. Wie er so im königlichen Bett saß, war tatsächlich nicht der geringste Unterschied zwischen ihm und dem König mehr zu erkennen. Nie vorher war ihnen ihre Ähnlichkeit so aufgefallen. Jetzt aber wußte Miro plötzlich, was die Worte der Fee zu bedeuten hatten.

So sprach er zu seinem Diener: „Wacht auf Herr, es ist ein so schöner Tag.“ Jakob war verwirrt, als er sich im königlichen Bett fand. Aber weil ihn der ganze Hofstaat ganz selbstverständlich als König betrachtete, schickte er sich allmählich in die Umstände, die ihm nun mal gegeben waren. Und weil er ja in all den Jahren stets an des Königs Seite war, regierte er auch so fort, wie er es vom König in all den Jahren gesehen hatte. Miro aber war ein treuer Diener. Er tat den Dienst gerade so freudig, wie es Jakob getan hatte. Und die Freundschaft zwischen den beiden währte fort, ja eigentlich wurde sie noch viel enger. Oft sah man die beiden umschlungen durch den Park wandern. Oft saßen sie vertieft in ihre Gespräche bis tief in die Nacht auf der Terrasse.

Die Jahre gingen ins Land und alle waren zufrieden. Miro aber fühlte sich von Tag zu Tag leichter und unbeschwerter werden, so als würde ihm eine Last, die er getragen hatte, nach und nach von den Schultern genommen.
Eines Nachts trat wieder die Fee an Miros Bett und sagte: „Miro, die Zeit ist abgelaufen. Alle deine Schulden sind beglichen. Jetzt bist du leicht genug, um die große Reise anzutreten.“ Noch einmal trat Miro an das Bett seines Freundes und küßte ihn auf die Stirn, dann folgte er der Fee, die mit ihm hoch über den Park hinaus in die Lüfte flog.

Als sie die Gefilde der Erde hinter sich gelassen hatten, gelangten sie an eine Brücke. „Bis hierher hab ich dich geleitet“, sagte die Fee, „Weiter kann ich nicht gehen. Du aber bist leicht genug, um über die Brücke ins Land des Lichts zu gelangen. Dort wirst du schon erwartet. All deine Schulden sind beglichen, jetzt ist es Zeit, dein wirkliches Amt anzutreten.“


Als die Fee verschwunden war, hörte der König Fanfaren. Und eine goldene Kutsche von 12 goldenen Rössern gezogen schwebte über die Brücke auf Miro zu. Als sie vor ihm hielt, stiegen 12 Diener aus und verbeugten sich vor Miro. Der wußte nicht recht, wie ihm geschah. Aber wie man ihn hieß, bestieg er die Kutsche und kaum, daß er die Augen einmal auf- und zuschlagen konnte, war er mitten drin im Reich des Lichts, das aus Farben und Klängen gemacht war. Welche Pracht bekam Miro hier zu schauen. Als er ausstieg, traten 12 liebliche Jungfrauen auf ihn zu und geleiteten ihn in den Palast. Als er in den großen Saal eintrat, schienen selbst die Mauern, die Gespinste aus schillernden Lichtstrahlen waren, zu schwirren und zu jubeln. All die lieblichen Wesen verbeugten sich vor ihm und so gelangte Miro zu seinem Thron, auf dem er nach einigem Zögern endlich Platz nahm.
Der Minister brachte ihm die Krone, die leuchtete wie von Kerzen erhellt. Und als er sie auf den Kopf setzte, traten Lichtfontänen aus dem Fußboden und den Wänden des ganzen Saales hervor und die Luft war von den süßesten Düften und den lieblichsten Klängen erfüllt. Von welch einer Schönheit war Miro hier umgeben und wie gerne hätte er Jakob, seinem Freund all das gezeigt.

Miro war König geworden im Reich des Lichts. Er wanderte durch die Räume seines Palastes, aber so oft er auch einen Raum betrat, nie erkannte er ihn wieder, weil alles hier wandelbar war. Ein Raum aber blieb unverändert. Dort war ein Fenster, durch das er auf die Erde hinab schauen konnte. Er konnte Jakob auf der Terrasse sitzen sehen, genau an dem Platz, an dem sie immer gesessen hatten. Und wie damals sprach Jakob noch immer mit ihm. Wenn sich Miro ein wenig hinaus beugte aus dem Fenster, konnte er antworten auf seine Fragen gerade so, als säße er neben ihm. Heute saß Jakob da mit gekräuselte Stirn, weil er nicht wußte, wie er sich in einer Angelegenheit entscheiden sollte. Miro mußte lächeln. Es ist schon ein schweres Amt, König zu sein auf der Erde. Hier aber gab es eigentlich nichts zu regieren. Jeder Wunsch war schon erfüllt, eh er nur ausgesprochen wurde, und keines der lichten Wesen hätte je einem anderem geschadet. So war das Königsein hier eher ein Spiel, das Miro nun lange genug gespielt hatte. Er setzte seine Krone ab und dadurch wurde er noch leichter. Er schwebte hinauf in die Höhen des Lichts, wo er eintrat in eine Herrlichkeit, die nie eines Menschen Auge gesehen hatte.

Jakob aber regierte weise bis ans Ende seiner Tage. Dann aber hatte auch er all seine Schulden beglichen. Er folgte seinem Herrn in die unermeßliche Schönheit der Weiten jenseits aller Zeit.


Erschienen in Lichtfokus - Elraanis Verlag 2001
http://www.elraanis.de

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Liebe Grüße
Majka

Julia ( Gast )
Beiträge:

16.02.2007 09:29
#2 RE: Der König und sein Diener antworten


In Liebe
Julia

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